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Erklärt · 7 Min. Lesezeit

Die Geschichte des Scrapbooks: vom Glanzbild zum Journal

Von viktorianischen Alben voller Glanzbilder über Mark Twains selbstklebendes Album bis zum Hobby von heute: So entstand das Scrapbook.

Hände blättern durch ein altes Schwarz-Weiß-Fotoalbum mit eingeklebten Fotos und einer handschriftlichen Notiz
Foto: Zehra Karadeniz · Pexels

Wer heute eine Seite mit Fotos, einer Karte und ein paar Zeilen Text gestaltet, tut etwas, was Menschen schon seit Jahrhunderten tun. Nur die Materialien haben sich verändert. Das Scrapbook hat eine lange, wilde Geschichte voller Ausschnitte, Bildchen, Leimtöpfe und eines berühmten Schriftstellers, der das Kleben hasste.

Woher das Wort kommt

Ein „scrap“ ist im Englischen ein Schnipsel, ein Rest, etwas, das übrig bleibt. Ein Scrapbook ist also wörtlich ein Buch mit Schnipseln: Zeitungsausschnitte, Gedichte, Briefe, Bildchen. Im Niederländischen sprach man einfach von einem „plakboek“, einem Klebebuch.

Im 19. Jahrhundert bekam das Wort „scraps“ eine zweite Bedeutung. So hießen die gestanzten, glänzend bedruckten Bildchen, die man einzeln kaufen konnte: Engelchen, Blumen, Kinderköpfe, Tiere. Bei uns kennt man sie als Glanzbilder oder Oblaten. Ein Scrapbook war damals oft ein Buch voller solcher Bildchen.

In England war das Wort schon in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts so geläufig, dass Bücher und Zeitschriften mit „Scrapbook“ im Titel erschienen, mit Tipps, wie man seine Schnipsel sammelt und ordnet.

Die Vorläufer

Die Idee ist älter als das Wort. Nach der Erfindung des Buchdrucks bekamen gebildete Menschen plötzlich viel mehr Gedrucktes zu sehen. Um den Überblick zu behalten, schrieben sie schöne Passagen, Rezepte und Zitate in ein Commonplace Book ab, eine Art persönliches Nachschlagebuch. Studenten in Nordeuropa ließen Freunde und Lehrer in ein Stammbuch schreiben und zeichnen, den fernen Vorfahren des Poesiealbums. Familien notierten Geburten und Hochzeiten auf den leeren Seiten der Familienbibel.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschien in England ein Geschichtsbuch von James Granger mit leeren Seiten, damit die Leser selbst Drucke einkleben konnten. Bücher, die auf diese Weise ergänzt wurden, nannte man später „grangerisiert“. Auch das ist ein kleiner Schritt in Richtung Scrapbook: ein gedrucktes Buch, das man selbst vervollständigt.

Viktorianische Alben und Glanzbilder

Die große Blütezeit kam im 19. Jahrhundert, in der Zeit von Königin Victoria. Zwei Dinge machten das möglich: Papier wurde billiger, und es gab eine neue Drucktechnik, die Chromolithografie. Damit ließen sich zum ersten Mal in großem Stil farbenfrohe Bilder drucken. Grußkarten, Reklamekärtchen, Zigarrenbanderolen und Etiketten waren plötzlich wunderschön, und die Leute fanden sie zu schade zum Wegwerfen.

Diese bunten Bildchen landeten in Alben, neben Zeitungsausschnitten, Gedichten, getrockneten Blumen, Stoffresten und handschriftlichen Notizen. Vor allem Frauen und Kinder gestalteten sie. Um 1880 war das Einkleben von Glanzbildern unter Kindern ein echter Trend. Mädchen bauten in ihren Büchern sogar ganze Papierhäuser: Zimmer, eingerichtet mit Möbeln und Menschen, die sie aus Zeitschriften und Reklame ausschnitten.

Auch bekannte Autorinnen und Autoren führten Alben. Lucy Maud Montgomery, die Autorin von „Anne auf Green Gables“, klebte Ausschnitte, Ansichtskarten, Stoffreste und getrocknete Blumen hinein. So ein Buch war kein Tagebuch voller Geheimnisse, sondern eine Sammlung dessen, was jemand schön oder wichtig fand. Es war dazu da, gezeigt zu werden.

Mark Twain und sein selbstklebendes Scrapbook

Einer der bekanntesten Sammler war Mark Twain, der Autor von „Tom Sawyer“. Er klebte sein Leben lang Ausschnitte in Bücher, fand das Hantieren mit Leim aber furchtbar. Leim war nie da, wenn man ihn brauchte, oder er war eingetrocknet, oder er ließ die Druckfarbe des Zeitungsausschnitts verlaufen.

Also dachte er sich etwas Besseres aus. 1873 erhielt er ein Patent auf ein Scrapbook, dessen Seiten schon mit einer Gummischicht überzogen waren, oft in schmalen Streifen, genau so breit wie eine Zeitungsspalte. Man befeuchtete den Gummi ein wenig, legte den Ausschnitt darauf, fertig. Er scherzte, sein Album erspare den Leuten viele Flüche.

Das Album wurde ein großer Erfolg und war jahrelang erhältlich. Von all den Erfindungen, an denen Twain tüftelte, war es laut seinen Biografen die einzige, die ihm wirklich Geld einbrachte. Das zeigt, dass das Einkleben schon damals ein Massenhobby war.

Warum das Album danach verschwand

Ende des 19. Jahrhunderts kam die handliche Kamera auf den Markt. Zum ersten Mal konnte eine ganz normale Familie selbst Fotos machen. Das Fotoalbum wurde beliebt, und das veränderte das Klebealbum. Fotos eroberten die Seiten, während Briefe, Karten und Ausschnitte in Kisten verschwanden.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts geriet das reich verzierte Album immer mehr aus der Mode. Übrig blieb vor allem das schlichte Fotoalbum. Manche Menschen hielten ihre alten Alben sogar für minderwertig und warfen sie weg. Geklebt wurde zwar weiterhin, aber zu Hause, im Stillen, ohne Läden oder Zeitschriften drumherum.

Die Rückkehr um 1980

Die Wende begann Ende der 1970er-Jahre in den USA, mit einem wachsenden Interesse an Ahnenforschung. Die Menschen wollten ihre Familiengeschichte festhalten, mit Fotos und Geschichten dazu. Um 1980 erregte eine Frau aus Utah Aufmerksamkeit mit Dutzenden selbst gestalteten Familienalben, in denen sie Fotos mit Text und Verzierungen kombinierte. Sie eröffnete einen Laden speziell für solche Alben, und die Idee kam an.

In den 1980er-Jahren folgten Firmen, die Alben und Material über Heimpartys verkauften, bei denen man auch lernte, wie man eine Seite aufbaut. Wichtig war die Erkenntnis, dass billiges Papier und Leim Fotos schaden. Säurefreies Papier, sicherer Kleber und lichtechte Stifte wurden zum neuen Standard, genau wie das quadratische Format von 30,5 × 30,5 cm (12 × 12 Zoll).

Eine ganze Branche in den 1990ern

In den 1990er-Jahren wurde Scrapbooking in Amerika zu einem der am schnellsten wachsenden Hobbys. Es gab Zeitschriften, Fachgeschäfte, Messen und unzählige neue Produkte: Designpapier, Sticker, Stempel, Embellishments (kleine Verzierungen wie Knöpfe und Brads). Scrapper trafen sich zu Crops: Abenden oder Wochenenden, an denen man mit einem Tisch voller Material zusammensaß und gestaltete.

Über diese Läden, Zeitschriften und später das Internet schwappte das Hobby nach Europa, auch in die Niederlande und nach Belgien. Deshalb benutzen wir bis heute so viele englische Begriffe. Nach dem großen Boom wurde es in den Läden ruhiger, und etliche Fachgeschäfte verschwanden wieder, aber das Hobby selbst blieb.

Vom Digitalen zum Journaling

Mit der Digitalkamera kam auch das digitale Scrapbook: Seiten, die du am Computer mit digitalem Papier und digitalen Verzierungen gestaltest und dann drucken lässt. Gleichzeitig entstanden Onlineforen und Blogs, in denen Scrapper ihre Werke zeigten und sich gegenseitig mit Sketches und Themen herausforderten.

Mit sozialen Medien wie Pinterest und Instagram änderte sich das noch einmal. Neue Formen kamen hinzu, die dem alten Klebealbum nahe sind: das Junk Journal aus Papierresten, das Art Journal und das Bullet Journal. Viele Menschen entdeckten das Gestalten über einen verzierten Planer und nicht über ein Fotoalbum. In gewisser Weise ist das Hobby damit zu seinen Anfängen zurückgekehrt: ein Buch voller Schnipsel, Bildchen und eigener Worte.

Lange wurden Scrapbooks nicht ernst genommen. Sie galten als Zeitvertreib von Frauen und Kindern, gemacht aus Wegwerf-Drucksachen: Karten, Reklame, Ausschnitte. Auch Archive wussten wenig damit anzufangen. Ein Album ist schwer zu erhalten, mit brüchigem Papier, verschiedenen Materialien durcheinander, Kleber, der sich löst oder verfärbt, und Buchrücken, die sich wölben. Außerdem passen sie in keine Schublade: kein Brief, kein Buch, keine Fotosammlung.

Dieses Bild hat sich gewandelt. Historiker, Bibliothekare und Restauratoren sehen heute, dass Alben etwas zeigen, was offiziellen Quellen fehlt: wie ganz normale Menschen lebten, was sie schön fanden, welche Vorstellungen sie besuchten und wen sie liebten. Namen und Daten auf der Rückseite von Fotos helfen bei der Ahnenforschung, und ein Foto einer Straße zeigt, wie sie aussah, bevor sie asphaltiert wurde. Auch die Reihenfolge und Zusammenstellung eines solchen Buchs sagen etwas aus, deshalb bewahren Museen sie am liebsten als Ganzes auf.

Was das für dein Buch bedeutet

Das Buch, das du jetzt gestaltest, ist in hundert Jahren selbst ein Stück Geschichte. Ein paar Dinge helfen dabei:

  • Klebe nicht nur Fotos ein, sondern auch echte Dinge: eine Eintrittskarte, eine Geburtskarte, eine Einladung.
  • Schreib dazu, wer, was, wo und wann. Ein Foto ohne Namen ist für die nächste Generation ein Rätsel.
  • Schreib mit der Hand. Deine Enkel erkennen deine Handschrift später auf anderen Papieren wieder.
  • Wähle Material, das lange hält, damit deine Seiten nicht zerfallen wie viele alte Alben.

Wenn du sichergehen willst, dass dein Buch nicht verloren geht, scanne es auch. Dann bleibt es erhalten, selbst wenn das Papier irgendwann nachgibt.

Fragen zu diesem Thema

Woher kommt das Wort Scrapbook?

Ein „scrap“ ist im Englischen ein Schnipsel oder Rest, ein Scrapbook ist also wörtlich ein Buch mit Schnipseln. Im 19. Jahrhundert bezeichnete „scraps“ auch gestanzte, glänzend bedruckte Bildchen; im Niederländischen heißen sie „glansplaatjes“, auf Deutsch Glanzbilder.

Wer hat das Scrapbook erfunden?

Niemand Bestimmtes: Die Idee ist älter als das Wort, mit Vorläufern wie dem Commonplace Book und dem Stammbuch. Die große Blütezeit kam in der viktorianischen Zeit, als billiges Papier und Farbdruck Klebealben beliebt machten.

Was war das Scrapbook von Mark Twain?

Twain erhielt 1873 ein Patent auf ein Album, dessen Seiten schon eine Gummischicht hatten. Man befeuchtete den Gummi ein wenig und legte den Ausschnitt darauf, ganz ohne extra Leim.

Seit wann ist Scrapbooking ein Hobby wie heute?

Seit etwa 1980 in den USA, mit dem Interesse an Ahnenforschung und den ersten Fachgeschäften. In den 1990er-Jahren wurde es zu einem großen Hobby und schwappte nach Europa über.

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